Die Geschichte vom „Porsche-Willi“ und seiner Zeit bei Allgaier und Porsche-Diesel

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Schlepper, die die Welt bedeuten

 

Es ist eine dieser typischen alten Aufnahmen. Eingebettet in einer Welt aus Sepia sitzt ein junger Mann Anfang 20 auf einem Schlepper. Er lächelt stolz, wirkt glücklich. Eine scheinbar unbedeutende Szene, eingefangen im Alltag der Wirtschaftswunderzeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Der Mann auf dem Bild ist der Mitterfelser Willi Stapf. Er ist mittlerweile 87 Jahre alt. Und auch nach all den Jahren zaubert dieses Bild ein Lächeln in sein Gesicht. Denn für ihn ist diese Szene alles andere als alltäglich. Sie zeigt das, was zwölf Jahre lang sein Leben war und für ihn die Welt bedeutet hat: einen Schlepper von Allgaier, später Porsche-Diesel. Jetzt hat er darüber ein Buch geschrieben.

In den Jahren von 1952 bis 1964 ist Willi Stapf erst für Allgaier, dann für Porsche-Diesel quer durch Norddeutschland gereist und hat Porsche-Schlepper gewartet. Das hat ihm den Spitznamen „Porsche-Willi“ eingebracht. Er war im Norden kein Unbekannter, ging in zahlreichen landwirtschaftlichen Betrieben ein und aus, und brachte jeden noch so kaputten Schlepper wieder zum Laufen. Was er da alles erlebt hat, erzählt er in seinem Buch „Der Willi wird’s schon richten.“

Die Anfänge bei Allgaier: „Mein Gott, was war das für eine Zeit“ – diesen Satz sagt Willi Stapf immer wieder, während er seine Geschichte erzählt, die damit beginnt, dass er im Jahr 1952 mit dem Fahrrad von Mitterfels nach Friedrichshafen am Bodensee fährt. Er hat nichts weiter bei sich als ein paar Mark und eine Persil-Schachtel mit wenigen Habseligkeiten. Sein Ziel: die Firma Allgaier – damals ein aufstrebendes Unternehmen in der deutschen Schlepperbau-Branche.

„Ich wollte Neues lernen“

Willi Stapf hat zu dieser Zeit bereits eine Lehre als Schlosser und Maschinenbauer in der Tasche. Gelernt hat er im Betrieb seines Vaters, der sich nach dem Krieg vor allem auf den Bau von Kreissägen und Getreidemühlen spezialisiert hatte. Der Betrieb läuft sehr gut, doch der junge Willi will mehr. „Ich wollte Neues lernen, mit neuer Technik arbeiten.“ Ermuntert wird er damals von seinem Freund Erich Sennebogen, Gründer der mittlerweile weltweit agierenden Firma Sennebogen. Dieser ging direkt nach seiner Lehre zu den Allgaier-Werken und schwärmte jedes Mal von seiner Arbeit. „Er hat zu mir gesagt: ,Willi da musst du hin, da lernst du was und die suchen gute Leute.‘“ Und Erich Sennebogen sollte recht behalten. Willi Stapf wird vom damaligen Betriebsleiter nach einem kurzen Gespräch sofort eingestellt.

Willis Wanderjahre: Von da an beginnt für Willi Stapf eine „verrückte Zeit“, wie er sagt. Er durchläuft sämtliche Stationen der Produktion eines Schleppers vom Typ AP 17 (siehe Infokasten). Schnell wird klar, dass sich die Firma Allgaier mit Willi Stapf ein echtes Ass geangelt hat, wenn es darum geht, die Dieselmotoren optimal zum Laufen zu bringen. Er eignet sich enormes Fachwissen an und kennt die Motoren wie seine Westentasche. Schnell arbeitet sich der Mitterfelser hoch und wird zum eigenverantwortlichen Kundendienst-Monteur – damit beginnen für Willi Stapf die Wanderjahre.

Der junge Monteur ist ab sofort für die Wartung und Instandhaltung sämtlicher Porsche-Allgaier-Schlepper zuständig, die im norddeutschen Raum auf den Wiesen und Feldern im Einsatz sind – und das sind damals nicht wenige. Von Kassel bis Flensburg, ob Gutshof oder Kleinbauer – läuft irgendwo ein Schlepper nicht ganz rund, ist Willi Stapf vor Ort. Im Grunde war er im Dauereinsatz.

Ein großes Abenteuer

Ob ihn dieses Vagabunden-Leben nicht gestört hat? Willi Stapf antwortet auf diese Frage mit einem Lachen und sagt: „Das war für mich ein großes Abenteuer, natürlich mit Höhen und Tiefen, aber ich habe es geliebt.“ Er sei immer und überall mit offenen Armen empfangen worden, habe gut verdient und konnte sich seine Zeit frei einteilen. „Was wollte ich denn mehr?“

  • Zwischen Hochadel und Hausschlachtung: Seine Arbeit als Kundendienst-Monteur verschafft Willi Stapf einen Einblick in die verschiedensten Gesellschaftsschichten der damaligen Zeit. Er ist bei den einfachen Bauersleuten genauso zu Hause wie beim Hochadel. An einem Tag bekommt er Instruktionen, wie er sich in Gegenwart der Adeligen benehmen muss, am nächsten Tag sitzt er in einem kleinbäuerlichen Betrieb nach einer Hausschlachtung mit am Tisch und isst Kesselfleisch. „Diese Abwechslung hat mir gefallen und ich habe gelernt, keine Vorurteile gegenüber irgendjemandem zu haben.“

Besonders geprägt hat Willi Stapf auch der Besuch eines evangelischen Gottesdienstes in Bremen. „Für mich als erzkatholischen jungen Mann war das sehr beeindruckend.“ Danach habe er am Mittagstisch neben dem Pastor gesessen und eine wertvolle Unterhaltung geführt. „Von da an habe ich konfessionelle Konflikte komplett ignoriert. Ich habe Ökumene gelebt, als es das Wort noch gar nicht gab.“

  • Der Aufstieg bei Porsche-Diesel: Im Jahr 1956 dann kommt der große strukturelle Wandel bei Allgaier. Die Firma gibt die Schlepper-Produktion ab. Ab sofort werden die Schlepper unter der Dachmarke „Porsche Diesel“ produziert. Zwei Jahre später kommt für Willi Stapf ein Aufstieg. Er wird in die Kundendienstleitung befördert und im Jahr 1959 zum Inspekteur ernannt. Damit ist er ab sofort verantwortlich für sämtliche Garantie- und Kulanzfälle. Doch die schöne Zeit bei Porsche-Diesel sollte nicht mehr lange währen. Im Jahr 1963 ist quasi von einem Tag auf den anderen Schluss mit der Schlepper-Produktion von Porsche. Für Willi Stapf ein schwarzer Tag. „Das hat mich wirklich sehr getroffen.“ Er hätte bei der Nachfolge-Firma weitermachen können – allerdings mit weniger Verantwortung. Für den damals 31-Jährigen ist klar: Er hört auf. „Von dem Moment an wollte ich mit Schleppern nichts mehr zu tun haben.“ Er geht zurück nach Mitterfels, wagt einen Neuanfang im elterlichen Betrieb und baut diesen zu einem Zulieferbetrieb aus.
  • Das Buch: Auch wenn der Abschied schmerzvoll war, erinnert er sich gerne an diese Zeit. Vor allem, weil sie ihn fürs Leben geprägt hat. Die vielen Begegnungen mit den unterschiedlichsten Menschen haben Spuren hinterlassen – und dafür ist Willi Stapf dankbar. Deshalb freut es ihn, dass er jetzt ein Buch über diese Zeit in Händen halten kann.

Ein Stück Zeitgeschichte

Wie es zu diesem Buch gekommen ist, ist ebenfalls eine Geschichte, wie sie typisch ist für das Leben des 87-Jährigen. Bei einem Oldtimer-Treffen in Mitterfels lernt er zufällig den Rodinger Unternehmer Josef Mühlbauer kennen – ein leidenschaftlicher Sammler von Oldtimern und Porsche-Schleppern. „Er hat gesagt: Willi, du musst das alles aufschreiben.“ Mühlbauer haben vor allem das technische Fachwissen und die Geschichten imponiert.

So hat sich Willi Stapf vor drei Jahren hingesetzt und angefangen, zu schreiben. Doch dieses Buch ist mehr als nur ein Schwelgen in alten Erinnerungen. Willi Stapf hat mit diesem Buch ein kleines Stück Zeitgeschichte geschaffen, das hinter die Kulissen eines Betriebes in der großen Wirtschaftswunderzeit nach dem Zweiten Weltkrieg blicken lässt. Er entführt seine Leser in eine Zeit, in der die Habseligkeiten eines einzelnen Mannes noch in eine Persil-Schachtel passten, und in der Sachen noch repariert wurden. „Und genau das ist der große Unterschied zu heute“, sagt der 87-Jährige, während er in seinem Buch blättert. Er bleibt wieder auf der Seite hängen, die ihn auf dem Allgaier-Schlepper sitzend zeigt. Und da ist es wieder, das Lächeln vom „Porsche-Willi“.

Info

„Der Willi wird’s schon richten“ (ISBN 978-3-947780-18-1) ist erschienen im Schwungrad-Verlag und kostet 25 Euro.


Die Porsche-Allgaier-Schlepper

Porsche-Traktoren werden bereits seit 1962 nicht mehr produziert. Doch sie sind immer noch begehrte Sammler-Objekte.

  • Lizenz-Produktion bei Allgaier: Ab 1949 übernimmt der Schlepper-Bauer Allgaier am Bodensee die Lizenzproduktion des von Ferdinand Porsche entwickelten Volksschleppers. Diese Bulldogs bekommen die Typenbezeichnung „AP“ für Allgaier-Porsche. Der erste seiner Art war der „AP 17“. Besonderheit dieser Schlepper war unter anderem, dass der Motor durch ein Gebläse luftgekühlt wurde und nicht – wie damals üblich – mit Wasser.
  • Die Marke Porsche-Diesel: Im Jahr 1955 entschließt sich der Familienbetrieb Allgaier, die Schlepper-Produktion abzugeben an die Firma Mannesmann. Ab 1956 läuft die Schlepperproduktion unter dem Namen „Porsche-Diesel“. Die Porsche-Diesel GmbH ist von da an eine Tochterfirma des weltweit agierenden Mannesmann-Konzerns.
  • Verkauf an Renault: Im Jahr 1963 wird der Porsche-Diesel-Schlepperbau eingestellt. Bis dahin sind rund 120 000 Porsche-Traktoren gebaut worden. Die komplette Sparte wird an Renault verkauft. – ver –

 

Bericht und Bilder : SR-Tagblatt, 23.12.2019, Verena Lehner

 

 

 

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