Ein Leben zwischen zwei verschiedenen Welten - Warum die Türkin Tülün Karaarslan in Istanbul lebt, aber in Mitterfels zu Hause ist

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    Tülün Karaarslan ist mit Leib und Seele Mitterfelserin. Auch wenn das der jungen Frau mit den schwarzbraunen langen Haaren und dem südländischen Teint auf den ersten Blick nicht anzusehen ist. Sobald sie zu erzählen beginnt, ist nicht mehr zu überhören, wo die 37-jährige Türkin ihre Wurzeln hat. "Des da, des is mei Hoamat, da ghör i her, da is mei Herz", sagt sie in bes­tem niederbayerischen Dialekt.

    Tü­lün Karaarslan verbrachte viele Jahre ihrer Kindheit bei ihren Pfle­geeltern Liesl und Gottfried Wa­cker, bis sie 1984 mit ihren leibli­chen Eltern in die Türkei zurück­kehren musste. Doch eine richtige Türkin wurde aus ihr nie, wie sie selbst sagt. Nur im Bayerischen Wald fühlt sie sich wirklich daheim. Deshalb besucht sie seit nun schon fast 30 Jahren alle zwei Jahre für ei­nige Monate ihre Pflegeeltern im Landkreis Straubing-Bogen und lebt ein Leben zwischen zwei Wel­ten: Istanbul und Mitterfels.

    Es ist ein sehr inniges Verhältnis, zwischen Tülün und ihren Pflegeel­tern. Immer noch sagt sie "Mama" und "Papa" zu ihnen. Vor allem ihre Pflegemutter Liesl ist ihr Ein und Alles, auch wenn sie zu ihrer leibli­chen Mutter ebenfalls ein sehr gutes Verhältnis hat. "Aber die Liesl ist meine erste Mama, und das in der Türkei ist meine zweite Mama."

     

    "Mitterfels ist meine Heimat, hier gehöre ich her"


    Tülün war erst vier Wochen alt, als sie als Pflegekind zu Liesl und Gottfried Wacker kam. Liesl Wa­cker erinnert sich noch genau da­ran. "Ich weiß noch, wie die Eltern von Tülün mich gefragt haben, ob ich nicht ihr kleines Mädchen in Pflege nehmen könnte." Sie waren Anfang der 1970er Jahre als türki­sche Gastarbeiter nach Deutsch­land gekommen und arbeiteten im Schichtbetrieb beim damaligen Ge­flügelverarbeitungsbetrieb Wührl in Bogen. Deshalb hatten sie keine Zeit, sich um ihr Kind zu kümmern. Liesl Wacker war damals bekannt als gute Pflegemutter. Insgesamt elf Pflegekinder und zwei eigene Kin­der hat sie großgezogen. "Und ei­gentlich wollte ich keines mehr an­nehmen, weil es einfach immer schwer ist, wenn man die Kinder dann wieder hergeben muss." Den­noch. Sie konnte dem türkischen Ehepaar die Bitte nicht abschlagen und nahm Tülün zu sich.

    Das war 1975. Seitdem ist viel Zeit vergangen. Viele Geschichten fallen Tülün und Liesl Wacker ein, wenn sie anfangen, die vergangenen Jahre Revue passieren zu lassen. Tülün verbindet viele schöne Erin­nerungen mit ihrer Kindheit in Mit­terfels. Sie war immer die Woche

    über bei der Familie Wacker. Nur am Wochenende kam sie zu ihren leibli­chen Eltern. Die zwei Kinder der Wackers waren für sie wie ihre eigenen Geschwister und sind es immer noch. "Mit ihnen bin ich aufgewachsen, das hier ist meine Fami­lie", erzählt Tülün. In Mitterfels war sie integriert, war beim Trachtenverein und hatte viele Freunde. "Ich war überall da­bei, jeder hat mich gekannt und kennt mich heute noch. Hier bin i einfach dahoam."

    Doch es kam der Tag, an dem Liesl Wacker Pflegekind Tülün wieder hergeben musste. Es war ein Abschied auf Raten. 1983 zog Tülün zuerst nach Eching bei München, weil ihre Eltern dort Arbeit in einer Brotfabrik bekamen. "Dort waren wir dann ein Jahr, und obwohl ich da noch nicht so weit weg war, war das schon ziemlich hart für mich." Und ein Jahr später musste sie Deutschland ganz "Lebe wohl" sa­gen. Ihre Eltern gingen zurück nach Istanbul. "Da brach für mich eine Welt zusammen. Das war das Schlimmste, was mir in meinem Le­ben passiert ist." Nur schwer hat sich die damals Neunjährige in der Türkei zurechtgefunden. Das Land, die Menschen - alles sei anders ge­wesen. Die Schulzeit war hart für die kleine Tülün. "Ich konnte ja kaum Türkisch." Mitschüler und sogar Lehrer haben ihr das Leben schwergemacht. Immer sei sie die Außenseiterin gewesen. "In Mün­chen war ich die Türkin, in der Tür­kei war ich die Deutsche." So etwas habe sie als Kind in Mitterfels nie erlebt. "Hier war ich einfach immer nur s'Wacker-Deandl."

     

    "Ich bin nie richtig in der Türkei engekommen"

    Mittlerweile ist Tülün Karaarslan schon selber Mutter eines Sohnes und seit 16 Jahren in der Türkei ver­heiratet. Auf die Frage, ab wann sie sich in der Türkei richtig eingelebt hatte, antwortet sie: "Nie, ich kämpfe immer noch damit. Denn mein Zuhause ist hier." Gerade des­halb ist es ihr so wichtig, dass sie alle zwei Jahre nach Deutschland kommt. Das war auch die Bedin­gung, die sie ihrem Ehemann ge­stellt hat. "Als wir uns kennenge­lernt haben, habe ich gleich gesagt:

    Du musst mich alle zwei Jahre heim zu meiner Mama nach Deutschland fahren lassen, sonst wird das mit uns beiden nix." Ihr Mann hat es versprochen und hält sein Verspre­chen bis heute. Er wollte auch sel­ber einmal mitfahren, um seine "zweiten" Schwiegereltern kennenzulernen. Aber das ist nicht so ein­fach.

     

    Für jeden Besuch braucht es eine offizielle Einladung

    Liesl und Gottfried Wacker neh­men jedes Mal viel auf sich, um ihr Pflegekind für einige Monate bei sich haben zu dürfen. Sie müssen eine offizielle Einladung in die Tür­kei schicken, mit der Tülün dann in das deutsche Konsulat in Istanbul gehen muss, um ihr Visum zu bean­tragen. Bis sie dieses Visum hat, ist es oft ein langer Weg. "Da hat es schon viele Tränen gegeben, weil es manchmal fast nicht geklappt hät­te", erzählt Liesl Wacker. Nicht nur einmal hat die heute 79-Jährige beim Konsulat angerufen, um das Visum für ihre Pflegetochter zu er­kämpfen. "Manchmal lag es nur an der Sturheit der Beamten und es war reine Schikane. "

    Wohingegen das Ausländeramt in Straubing nie große Probleme ge­macht hat. "Da kennen sie mich mittlerweile schon und sagen jedes Mal: Ach, kommt wohl die Tochter wieder zu Besuch." Damit Tülün und ihr Sohn Umut überhaupt ein­reisen dürfen, müssen die Wackers jedes Mal 6000 Euro als Sicher­heitsleistung hinterlegen. Für das Rentnerehepaar immer ein finan­zieller Kraftakt. Doch sie würden alles tun, um ihre Tochter bei sich zu haben.

    "Wenn ich hier bin, vergeht die Zeit viel zu schnell", sagt Tülün. In den Monaten, in denen sie in Mitter­fels ist, will sie auch gar nicht viel herumfahren. "Hier mit meinen El­tern im Garten zu arbeiten, auf der Terrasse zu sitzen oder in die Schwammerl gehen, das ist für mich das Höchste." Und auch ihr Sohn fühlt sich bei Oma und Opa in Mit­terfels sehr wohl. Er fährt gern mit dem Opa auf dem Bulldog in den Wald oder geht ins Freibad. Und na­türlich kann Umut auch schon Bai­risch und antwortet auf die Frage, was ihm denn besonders gut in Mit­terfels gefällt: "De guade Luft. Die is vui besser wia in Istanbul." Auch Tülün liebt die Landschaft und die Natur im Bayerischen Wald.

    "Für Tülün und Umut ist das hier Luxus, obwohl wir eigentlich nicht in Lu­xus leben", sagt Liesl Wacker. Ihr kleines Haus, der Garten und der Wald sind für Tülün und ihren Sohn das Paradies. "Einfach im Garten herumgehen, sich ein paar Erdbee­ren abzupfen oder sich eine Gelbe Rübe aus dem Beet reißen - das alles kennen die bei den in der Türkei nicht."

    Tülün Karaarslan würde gerne öfter nach Deutschland kommen. "Aber das geht nicht, schließlich habe ich ja auch noch in Istanbul eine Familie." Und so geht auch die­ser Besuch bei ihren "Mitterfelser Eltern" wieder zu Ende, denn am 18. September beginnt für Umut wieder die Schule. Bis es ein Wie­dersehen gibt, wird wieder einige Zeit vergehen. Liesl Wacker hofft jedoch, dass es diesmal vielleicht nicht zwei Jahre dauern wird, bis sie ihre Pflegetochter Tülün wiederse­hen kann. "Nächstes Jahr werde ich 80 Jahre alt und vielleicht schaffen mein Mann und ich es ja, dass Tülün zu meinem Geburtstag da sein kann."

     

    Bericht und Bild : Verena Lehner (SR-Tagblatt, 15.9.2012)

     

     

     

     

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