Volkstrauertag 2018: Rede von Oberst a.D. Henner Wehn

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An einem dieser strahlenden Herbsttage vor wenigen Wochen, an denen in der Natur die Farben zu explodieren schienen, radelte ich in Richtung GRANDSBERG.


In dem kleinen Weiler BUCHA, es geht dort zum GRANDSBERG steil bergauf, stehen an der Straße zwei Totenbretter die von einem kleinen Zaun eingegrenzt sind.
An solchen Gedenkbrettern halte ich oft an, lese die Inschriften und schicke ein kurzes Gebet in den wolkenlosen bayrisch- blauen Himmel.


Es ist ein wunderschönes Plätzchen mit einem weiten Blick über SCHWARZACH in die Donauebene. An klaren Tagen kann man von hier die Alpenkette erkennen.

Diese beiden Totenbretter sind Vater und Sohn gewidmet. Der Vater ist mit 73 Jahren als Bauer von BUCHA am 06.Juli 1948 gestorben. Auf dem danebenstehenden Totenbrett für seinen Sohn steht unter einem verblassenden Bild folgende Inschrift:

Zum Andenken an unseren lieben, unvergesslichen Sohn und Bruder, Johann Roider,
Sanitätsobergefreiter bei einem Gebirgsjägerbataillon, Bauernsohn von BUCHA.
Geboren am 19.05.1912, gefallen am 01.12.1943 in Russland.


Und darunter, sicher keine große Dichtkunst, aber von Herzen kommend und ins Herz gehend :

Fern im Osten ist mein Heldengrab,
Fürs Vaterland ich ja gestritten hab.
Und in der Heimat denket mein
Mit einem kurzen Gebetelein.
Soll der Lohn mir sein.
Schlummere sanft du treues Herz
Wer dich gekannt, fühlt unseren Schmerz.


Der junge Bauer hatte damals sicher täglich schwere Arbeit auf dem elterlichen Hof. Ich bin mir aber sicher, dass er oft, so wie ich jetzt, hier gesessen oder gestanden hat, um den Blick in die herrliche Landschaft zu genießen. Hier war seine Heimat.


Dieser umzäunte Gedenkplatz am Weg mit den beiden Totenbrettern, war mit Sorgfalt ausgewählt. Hier ist zu jeder Jahreszeit die Schönheit des vorderen Bayrischen Waldes eindrucksvoll erlebbar.


In diesen Zeilen auf dem Totenbrett drückt sich das ganze Elend des Krieges aus:

  • Ein junger 31 jähriger Bauer stirbt irgendwo im fernen Russland den Soldatentod, vermutlich auf dem Rückzug aus dem Kaukasus.
  • Zurück bleiben gramgebeugte Eltern und der uns unbekannte Bruder.
  • Der Vater stirbt fünf Jahre nachdem er die Todesnachricht seines Sohnes empfangen musste.


Ich setzte mich auf den Grashang neben dem kleinen umzäunten Platz.

Welch verrückte Welt!  Hier, mitten in Feld und Flur, die Gedenkkultur an einen toten Soldaten, des zweiten Weltkriegs, der auch in diesen abgelegenen Weiler Tod, Trauer und Kummer gebracht hat.

73 Jahre nach Ende dieses Krieges und 100 Jahre nach Ende des ersten Weltkriegs gibt es keinen Kontinent auf dem Globus, in dem nicht heute 2018, wieder Krieg geführt wird.
Darüber hinaus findet sich in vielen Staaten zügellose Gewalt, vor allem gegen Frauen und Kinder.


In dieser Dimension noch nie erlebte Flüchtlingsströme suchen ihre Zukunft in fremden Ländern. Es scheint, als ob die Menschheit unfähig ist, aus diesen selbstverschuldeten Katastrophen zu lernen.

Umso wichtiger ist unsere Gedenkkultur. Ob es diese individuellen Totenbretter sind, oder unser Ritual am Volkstrauertag. Die immer wiederholte und so abgegriffen wirkende Formel: „Nie wieder Krieg!“ ist nicht inhaltsleer geworden.

73 und 100 Jahre nach Kriegsende wird immer noch der gefallenen Männer gedacht. Ob auf Totenbrettern am Wegesrand oder wie bei uns in MITTERFELS mit dem Volkstrauertag an den liebevoll gepflegten Kriegerdenkmälern.

Es ist auch eine Antwort auf die immer wieder gestellte Frage, welche Werte denn unsere Gesellschaft zusammenhält ?

Diese Gedenkkultur an die Opfer der Kriege und der Naziherrschaft, die am Volkstrauertag im Mittelpunkt steht, ist einer dieser Werte und wird von Generationen an Generation weitergegeben. Der deutsche Philosoph Immanuel Kant hat schon in seinem Werk „vom Frieden“ formuliert: „Der Naturzustand zwischen Menschen ist der Krieg. Es bedarf höchster zivilisatorischer Anstrengungen Frieden zu schaffen und zu halten!“

Der Frieden ist also nie eine Selbstverständlichkeit!  Es bedarf stetiger höchster Anstrengung ihn zu erhalten und zu festigen.

Dazu gehört auch, was Berthold Brecht geschrieben hat: „Lasst uns das tausendmal Gesagte immer wieder sagen, damit es nicht einmal zu wenig gesagt wurde! Lasst uns die Warnungen erneuern, und wenn sie schon wie Asche in unserem Mund sind! Denn der Menschheit drohen Kriege, gegen welche die vergangenen wie armselige Versuche sind, und sie werden kommen ohne jeden Zweifel, wenn denen, die sie in aller Öffentlichkeit vorbereiten, nicht die Hände zerschlagen werden!“

Berthold Brecht ist schon lange tot, aber seine eindringliche Mahnung hat nichts von ihrer Aktualität verloren.


Auch heute 2018 spielen wieder Politiker wie z. B. Putin, Trump, Assad oder Kim -Jong-Un. mit der Drohung eines Krieges. Warum ist es wohl so schwer etwas für den Frieden zu tun?

Dazu eine kleine Geschichte:

Ein alter Mann ging über einen Platz. Er beobachtete eine Gruppe Kinder, die offensichtlich Krieg spielten. Mit Stöcken und lautem „Päng-päng-Schreien rannten sie aufeinander los. Auch ganz Kleine waren dazwischen. Nach einer Weile des Zuschauens ging der alte Mann entschlossen auf die Gruppe zu und sagte bittend: „Spielt doch nicht Krieg, Kinder!“
Die bittende und klagende Stimme machte die Kinder betroffen. Sie zogen sich an eine Mauer zurück, tuschelten und steckten ihre Köpfe zusammen. Dann kamen sie zu dem Mann zurück und ein Kind fragte:

„Wie spielt man Frieden?“


Ja, wie spielt man mit Kindern Frieden?


Vielleicht ist das ja das Dilemma. So wie wir Luft und sauberes Wasser einfach konsumieren, haben wir uns nach73 Jahren so an den Frieden gewöhnt, dass wir ihn für selbstverständlich halten.

Dass saubere Luft und sauberes Wasser gefährdet sind , und große Aufmerksamkeit zu ihrem Erhalt notwendig ist ,hat auch die Jugend inzwischen erkannt. Nur für den Erhalt des Friedens gilt das nicht gleichermaßen.


Können wir aber vielleicht auch dafür in der Zukunft ein wenig mehr tun, als nur immer die Parole : „Nie wieder Krieg!“ zu wiederholen?  Wie wär es wenn wir mit unseren Kindern eine „aktive Friedensarbeit“ starten würden?

Wie könnte die aussehen?

Vielleicht beginnen wir damit, den Kampf gegen die „Kriegsspiele“ in den Kinderzimmern aufzunehmen.

Dabei geht es gar nicht um absolute Verbote. Sie sind sicher nutzlos. Sondern hinschauen, was die Kinder und Jugendlichen spielen, sich zusammensetzen und darüber reden, was sie da anschauen und was Krieg und Gewalt in der Realität bedeutet.

Vielleicht kann die Familie einmal den Kontakt zu Flüchtlingen aufnehmen und zuhören, wenn sie von Krieg und Gewalt in ihren Heimatländern erzählen.

Hier in Mitterfels wird von sehr engagierten Mitbürgern vorbildhafte Integrationsarbeit geleistet. Nutzen wir das! Setzen wir uns mit den Flüchtlingen zusammen und hören ihnen zu!
In einem der letzten Zeit-Magazine hat auf die Frage: Was ist Menschlichkeit? Aya ,eine junge Frau , aus Syrien stammend, geantwortet:
„Bei der Familie zu sein, nicht mehr im Krieg zu leben oder sterben zu müssen, Hilfe zu bekommen, von völlig Fremden. Im Krieg gibt es keine Menschlichkeit!“

Vielleicht kann die Familie auch mal einen Besuch der vielen Gedenkstätten um uns herum in nah und fern planen.  Statt „Freizeitpark“ gemeinsame „Friedensarbeit“!
Aus den Erzählungen meiner Tochter, die mit ihren Schülern die Konzentrationslager DACHAU oder auch AUSCHWITZ besucht hat, weiß ich, welche Nachdenklichkeit bei den jungen Menschen wächst, wenn sie diese Schreckensorte mit eigenen Füßen betreten.


Die Gedenkstätten DACHAU, MAUTHAUSEN und FLOSSENBÜRG sind nicht weit entfernt. Auch beim Besuch der Soldatenfriedhöfe, vor allem bei VERDUN in FRANKREICH mit ihren schier unübersehbaren Feldern voller Kreuze, oder den erst in letzter Zeit entstehenden Soldatenfriedhöfen im Osten, wird jungen Menschen bewusst, was Krieg bedeutet.

Dort liegen oft auch Familienangehörige in fremder Erde. Familien können auch eine gemeinsame Fahrradrally in die Gemeinden unseres Landkreises machen, verbunden mit der Frage:
„ In welcher Ortschaft ist denn kein Kriegerdenkmal?“ Hauptsache, die Kinder kommen mit ihren Eltern in ein ernsthaftes und nachdenkliches Gespräch über Krieg, seine Folgen und ungehemmte Gewalt.


Schließen will ich heute mit einer kleinen weiteren Geschichte, die uns bestärken soll, in unserem Ringen um den Frieden nicht nachzulassen. Vielleicht hilft sie bei der Antwort:
Was kann ich für den Frieden tun? Ich alleine bin doch machtlos! Hat meine Stimme im Konzert der Welt überhaupt Gewicht?

„Sag mir, was wiegt eine Schneeflocke?“ fragt die Tannenmeise die Wildtaube.

„Nicht mehr als ein Nichts“ antwortete die Taube.

„Dann muss ich Dir eine wunderbare Geschichte erzählen“ sagte die kleine Meise.

„Ich saß auf dem Ast einer Fichte, dicht am Stamm, als es zu schneien anfing. Nicht etwa heftig mit Sturmgebraus, nein, wie im Traum, lautlos und ohne Schwere. Da nichts Besseres zu tun war, begann ich die Schneeflocken , die auf die Zweige und auf die Nadeln des Astes fielen und darauf hängenblieben, zu zählen.  Genau 3 741 952 waren es.
Und als die 3 741.953 Flocke niederfiel, nicht mehr als ein Nichts, brach der Ast ab!


Mit dem Ende der Geschichte flog die Meise davon.

Die Wildtaube sagte nach kurzem Nachdenken zu sich:

„Vielleicht fehlt nur noch eines einzelnen Menschen Stimme zum Frieden in der Welt!“

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