„Kann der Papst nicht zu Putin fliegen?“


Die Kirche sollte sich endlich klar gegen den Krieg in der Ukraine positionieren, findet Johanna Eiglsperger.

Denn was Krieg bedeutet, hat die 91-Jährige am eigenen Leib erlebt
Von Patrizia Burgmayer Der Rucksack immer gepackt, um im Notfall schnell vor den Bomben flüchten zu können. Trümmer und Ruinen, wo diese eingeschlagen haben. Und Angst. Johanna Eiglsperger aus Mitterfels kennt das alles aus ihrer Kindheit. Sie war 14 Jahre alt, als 1945 der Zweite Weltkrieg endete. Sie will keinen Dritten erleben. „Ich habe das zerbombte Hamburg gesehen, das zerbombte Berlin.“

Auf großen Flächen gab es nach den Angriffen nur noch Steine und Staub, Brücken waren zerstört. Jedes Mal, wenn sie Bilder aus der Ukraine sieht, muss sie daran denken. Dass jetzt dort schon seit so vielen Tagen Krieg herrscht, macht sie wütend. Sie glaubt: „Der Putin hört nicht auf, der macht das wie der Hitler.“ Und sie wünscht sich, dass die Kirche endlich klar Stellung bezieht gegen die russische Gewalt. Wie das lief unter Adolf Hitler, hat sie selbst erlebt. Sie ist 1931 in Berlin-Karlshorst als jüngstes von drei Mädchen zur Welt gekommen. Ihre Kinderzeit ist geprägt von Bombenalarmen, Propaganda in Nazi-Jugendverbänden und dem Kampf ums Überleben.

Dabei blickt sie nicht mit Mitleid oder Jammern auf diese Zeit zurück: „Das war halt damals so.“ Nach dem Krieg liegt ihre Wohnung in Ostberlin, gehört zur DDR. Statt Hitlerjugend und Bund deutscher Mädel (BDM) heißt die Jugendorganisation jetzt Freie Deutsche Jugend, kurz FDJ. Johanna ist Katholikin, tritt der FDJ nicht bei, trotz aller Nachteile, die das bringt. Sie steht zu ihrem Glauben – nach wie vor. „Kerzen verhindern keinen Krieg“ – Handeln gefragt Bis zum Alter von 80 Jahren sei sie jeden Sonntag in der Kirche gewesen, inzwischen schaut sie sich den Gottesdienst lieber im Fernsehen an, weil sie nicht mehr so gut hört. Auch am vergangenen Sonntag hat sie eingeschaltet – aber ziemlich bald wieder aus. „Ich hatte so eine Wut! Kerzen verhindern keinen Krieg!“ Die Kirche, findet Johanna Eiglsperger, sollte endlich klar Stellung beziehen. Allen voran der Papst, der zu Putin fliegen und auf ihn einwirken sollte.

Wer, wenn nicht ein Mann in so exponierter Stellung, könne eine solche Aufgabe übernehmen. Und zwar möglichst bald, denn: „Der Papst ist ein alter Mann, er lebt auch nicht ewig“, und das sei aus dem Mund einer 91-Jährigen jetzt keine Frechheit, sondern schlicht Tatsache, merkt sie an. Kerzenandachten und Lichter für den Frieden seien natürlich in Ordnung, aber halt zu wenig – viel zu wenig für Menschen wie Johanna Eiglsperger. Sie hat sich ein Leben lang den Mund nicht verbieten lassen, hat Krieg, Not, Hunger, Enteignung und DDR-Unrechtsregime erlebt. Musste sich von Vorgesetzten abkanzeln lassen, weil sie bei einem Moskau-Aufenthalt Fotos der prunkvollen Metrostationen geschossen hat statt von den „großartigen Lebensbedingungen der Arbeiter und Bauern“ dort. Mit rund 30 Jahren ist sie nach Westdeutschland, wo sie schließlich in Mitterfels eine Heimat gefunden und mit ihrem Ehemann das Fotogeschäft „Foto Eiglsperger“ betrieben und ausgebaut hat. Fleiß und Einsatzwillen, Zufriedenheit sowie ein gutes Miteinander sind Werte, die sie stets hochgehalten hat.

Aber auch das mutige Sich-zu-Wort-melden, das Sich-nicht-den-Mund-verbieten-lassen. Schreiben Sie das! Nicht nächste Woche, gleich! Das ist bis heute so geblieben. Sie ruft bei der Zeitung an, will ihre Meinung sagen, ihre Lebenserfahrung weitergeben. „Schreiben Sie das mit dem Papst! Nicht nächste Woche – gleich! Wie lange soll dieser Krieg noch weitergehen! Jeden Tag wird etwas kaputt gemacht, jeden Tag sterben Menschen!“ Die Folgen lassen sich nicht rückgängig machen, und der Wiederaufbau dauere lang. Sie weiß, wovon sie spricht; hat den letzten Wiederaufbau in Deutschland mitgemacht. Hat erlebt, wie es ist, sein Hab und Gut zu verlieren. Bis kurz vor Kriegsende lebte sie mit Mutter und Schwestern – der Vater war eingezogen – in einer Wohnung im eigenen Mietshaus in Karlshorst. Doch die Schwestern, damals beide knapp 20 Jahre alt, hatten große Angst, von Soldaten der heranrückenden russischen Truppen vergewaltigt zu werden. „Wir sind an Hitlers Geburtstag [am 20. April, Anm. d. Red.] von Karlshorst nach Steglitz, das liegt westlich.“ Schon ein paar Tage später machte sich die Familie erneut auf, um weiter vor den heranrückenden russischen Truppen zu fliehen. Es ging Richtung Norden, nach Hamburg.

Dass das in dieser Zeit überhaupt geklappt habe, sei Zufall gewesen: „Die von der Ostfront zurückkehrenden Soldaten haben uns immer wieder ein Stück hinten auf dem Lastwagen mitgenommen.“ Verzichtbares (?) Wissen einer Generation Das offizielle Kriegsende am Dienstag, 8. Mai 1945, hat Johanna Eiglsperger dann in Rendsburg in Schleswig-Holstein erlebt. Später ging es zurück nach Berlin. Der Besitz dort war in der Hand der Sowjets, die eigene Wohnung besetzt. Die Familie war froh, erst einmal irgendwo in einem Zimmerchen unterzukommen. Später fand sie durch einen glücklichen Zufall eine Wohnung. Mehr als sieben Jahrzehnte später hat Johanna Eiglsperger all das noch gut in Erinnerung.

Genauso wie sie weiß, wie man eine gute Kartoffelsuppe kocht („das habe ich mit 14 Jahren gelernt“), aber auch, wie man eine Panzerfaust einsetzt: „Loch graben, mit der Panzerfaust reinsetzen und warten, bis der Panzer drüberfährt, dann die Waffe mit Schwung oben in die Panzerluke reinwerfen.“ – Ein Wissen, auf das sie heute gut verzichten kann. Aber vor allem eins, von dem sie sich wünscht, dass es sich Kinder ebenso wie Erwachsene am besten nie wieder aneignen müssen.

Bericht und Bild : SR-Tagblatt, 10.3.22