Mondi : Flüchtlingsunterkunft in der eigenen Hand

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    Die Gemeinde behält das Sagen -Flüchtlingsunterkunft in der eigenen Hand: Der Markt Mitterfels macht gute Erfahrungen

    Als ein vorbildliches „Erfolgsmodell“ ist das Konzept zur Unterbringung von Asylbewerbern im Markt Mitterfels bei der Bürgermeisterversammlung am vergangenen Donnerstag im Landratsamt präsentiert worden (wir berichteten).

    Wie das abstrakte „Modell“ in der praktischen Umsetzung aussieht, das hat bei einem Besuch in der Wohnanlage gestern der 2. Bürgermeister Heinz Uekermann gezeigt und erklärt. Die Herausforderung, wenn eine Unterkunft selbst betrieben wird: Es sind viele Gespräche zu führen und es braucht noch mehr Helfer. Der Vorteil: Das Sagen behält die Gemeinde.

    Enisa bleibt hart. Die 19-jährige Asylbewerberin leitet heute die Waschküche, gereinigt wird die Wäsche der ganzen Woche aus zwei der fünf vom Landratsamt angemieteten Häuser. Damit ist sie den ganzen Tag beschäftigt. Der junge Mann, der ihr gegenübersteht und darum bittet, auch einige Kleidungsstücke von ihm zu waschen, wohnt in einem anderen Haus. Den Waschtag – es wäre für ihn der Samstag gewesen – hatte er verpasst. Aber Ausnahmen gibt es keine.

    Heinz Uekermann, der so etwas wie der Koordinator der Anlage ist, nickt und bestärkt die junge Bosnierin in ihrer unnachgiebigen Haltung. Ordnung ist das halbe Leben – in der Asylbewerberunterkunft im ehemaligen Mondi-Hotel am Mitterfelser Ortsrand vielleicht sogar noch etwas mehr.

    Momentan leben 80 Menschen in den Appartementwohnungen der Anlage, die die Gemeinde Mitterfels seit April dieses Jahres in Eigenregie als Flüchtlingsunterkunft betreibt. Die Mehrheit des Gemeinderats wollte mit dem Kauf verhindern, dass ein privater Vermieter zum Zug kommt. Dieser würde sich – so die Vermutung – möglicherweise nicht in gleicher Weise um die Bewohner, die Immobilie und deren Umfeld kümmern.

    „Eine gute Entscheidung“

    Das Zwischenfazit von Bürgermeister Heinrich Stenzel nach circa sechs Monaten lautet: „Der Kauf war eine gute Entscheidung.“ Denn so habe die Gemeinde Zugriff auf die Liegenschaften und sei auch viel näher an den neuen Nachbarn dran. Natürlich gebe es auch kritische Stimmen. Dennoch würden die meisten Mitterfelser die gefundene Lösung befürworten, ist sich der Bürgermeister sicher.

    „Der Vertrag ist fair“

    Gekostet habe die Immobilie rund 1,6 Millionen Euro, informiert Uekermann. Der Mietvertrag mit dem Landratsamt laufe über fünf Jahre, danach sei die Anlage abbezahlt und stünde der Gemeinde ohne Nutzungseinschränkungen zur freien Verfügung. Das Landratsamt kam der Gemeinde auch insofern entgegen, als es sich an den Betriebskosten der teuren Elektroheizung beteiligt und die Kosten für eine Asyl- und Sozialberaterin vor Ort übernimmt. An drei Vormittagen pro Woche kümmert sich Elisabeth Fischer von der Caritas um die Anliegen der Bewohner.

    Zudem habe das Landratsamt zugesichert, dass es bei vorläufig 80 Asylbewerbern in der Gemeinde bleiben werde. „Mit dem Landratsamt ist ein fairer Vertrag geschlossen worden“, fasst Heinz Uekermann zusammen.

    Für ihn ist es aber schon abzusehen, dass sich die Zahl der Bewohner insgesamt in nächster Zeit dennoch erhöhen wird. Der Grund: Iraker und Syrer werden zurzeit im Eilverfahren anerkannt und müssen aus den Unterkünften ausziehen, um Platz zu machen für andere Asylbewerber. Da aller Voraussicht nach aber wenigstens einige der bisherigen Bewohner in Mitterfels bleiben wollen, werden derzeit weitere, noch freie Wohnungen in der Hotelanlage renoviert.

    Arbeitskreise im Helferkreis

    Was in Mitterfels vor allem zu einem guten Zusammenleben mit den Flüchtlingen beiträgt, ist unter anderem eine geradezu generalstabsmäßige Organisation – das betrifft auch die Organisation der Helfer. Für Bereiche wie „Sprache“, „Ämter/Verkehr“ und „Gesundheit“ wurden einzelne Arbeitskreise innerhalb des Helferkreises gegründet. Geht es beispielsweise um eine dringende Fahrt zum Arzt, dann könne er aus zwölf Telefonnummern wählen, so Uekermann. Meistens sagt gleich der Erste „Ja“.

    Aufgrund der schnellen Anerkennung von Flüchtlingen aus dem Irak und aus Syrien sei es jetzt wichtig, die Integration in die Arbeitswelt voranzutreiben, so Uekermann weiter. Dazu wurden im Helferkreis ein Arbeitskreis Ausbildung/Beruf gegründet und der Kontakt zum Jobcenter intensiviert.

    Deutschkurs ab erstem Tag

    In die Gemeinde werden die ankommenden Flüchtlinge schon bei der Ankunft integriert, erklärt der 2. Bürgermeister. Mit dem Tag der Ankunft in Mitterfels beginne auch gleich der Deutschunterricht. Das Gefühl, gefordert zu werden, spornt die Asylbewerber offensichtlich an. Seit vergangener Woche werden von der Volkshochschule auch Integrationskurse zum Nachweis grundlegender Deutschkenntnisse angeboten. Im Gegensatz zu anderen Orten oder Einrichtungen war die Resonanz enorm: Spontan wollte die Hälfte aller Bewohner daran teilnehmen. – lal –

     
    Bogener Zeitung , 13.11.2015.

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