"Weihnachten in Zeiten von Corona" - "Nicht schon wieder dieses Thema!"

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Predigt von P. Dominik Daschner OPraem zur Christmette in der Pfarreiengemeinschaft Mitterfels-Haselbach

Weihnachten in Zeiten von Corona! - Vielleicht denken Sie jetzt: Nicht schon wieder dieses Thema! Ich kann es bald nicht mehr hören! Kann nicht wenigstens der Weihnachtsgottes­dienst eine corona-freie Zone sein? …

… Wenigstes diese eine Stunde in der Kirche zu Weihnach­ten ein bisschen heile Welt, wo man unbeschwert Weihnachtsstimmung tanken darf?

Ich muss gestehen: Ich habe lange überlegt, ob ich in meiner Weihnachtspredigt auf dieses Thema eingehen oder es nicht besser ausklammern soll. Einmal etwas anderes hören, von etwas an­derem, Aufbauendem sprechen, nicht schon wieder dieses böse C-Wort.


Aber Weihnachten ist eben keine Flucht aus der Realität …


… kein Sich-fort-träumen in eine idyl­lisch-romantische Fantasiewelt – und sei es nur für ein paar Stunden: daheim am Heiligen Abend zur Bescherung in der Familie oder jetzt beim Gottesdienst in der Kirche. Gott wird Mensch und stellt sich bedingungslos an unsere Seite. Das feiern wir an Weihnachten. Er kommt in unsere Welt, so wie sie nun mal ist; mit allem, was zu unserem menschlichen Leben dazugehört. Und da zählt die Corona-Pandemie heuer ganz elementar dazu. Das können wir deshalb nicht einfach außen vor lassen.

Das Corona-Virus hält unsere Welt fest im Griff, schränkt unser gewohntes, normales Leben massiv ein. Fast nichts mehr ist momentan so wie zuvor. Auch Weihnachten läuft in Corona-Zeiten ganz anders, als wir uns das wünschen und es gewohnt sind. Viele liebgewordene Tra­ditionen, die wir mit Weihnachten verbinden, konnten und können heuer nicht oder nur sehr eingeschränkt stattfinden: keine Christkindlmärkte, keine

Adventsfeiern im Verein oder mit Kollegen im Betrieb, kein Besuch des Nikolaus daheim bei den Kindern, kein Weihnachts­konzert mit den Domspatzen, der Kreismusikschule oder dem Männergesangverein, keine Waldweihnacht, Weihnachtsgottesdienste ohne feier­liche, große Ministrantenschar, ohne Kir­chenchor, ja sogar ohne Gemeindegesang – nicht einmal „Stille Nacht“ dürfen wir miteinander singen.

Aber alles das geht heuer einfach nicht aus gegenseitiger Rücksichtnahme auf die Gesundheit unserer Mitmenschen, vor allem der Risikogruppen, und in Verantwortung füreinander. Viele äußere Dinge rund um das Weihnachtsfest, die dieses Fest umrahmen und es uns so lieb und wertvoll machen, sie können diesmal nicht sein. Aber:


Der Inhalt, der Kern von Weihnachten bleibt dennoch. Wir werden an diesem Weihnachtsfest sozusagen zurückgeworfen auf das Wesentliche daran: auf das Geheimnis der Menschwerdung Gottes.


Und das feiern wir jetzt. Gott wird Mensch. Er neigt sich seiner Schöpfung zu. So sehr, dass er selbst in sie eintritt und ein Mensch wird wie wir. Mit allem, was zu unserem Mensch-sein gehört: mit der Freude am Leben, aber auch mit den Sorgen, die uns manches im Leben bereitet – so wie jetzt, in der Corona-Krise -, bis hin zur Angst vor Krankheit und Tod. Gott zeigt damit, wie sehr er an unserer Seite steht. Er teilt unser Menschsein, um uns seines göttlichen Wesens teilhaftig werden zu lassen. Er steigt vom Himmel auf die Erde herab, um den Menschen zu sich in den Himmel emporzuheben.

Das feiern wir an Weihnachten Jahr für Jahr – diesmal eben unter Einhaltung der AHA-Re­geln, die wir mittlerweile wohl alle verinnerlicht haben: Abstand halten – auf Hygiene achten – Alltagsmasken tragen.


Interessanterweise ergeben sich für mich von diesen AHA-Regeln her viele Bezüge zu Weihnachten.


ABSTAND HALTEN ist das Erste. Um die Gefahr einer Ansteckung mit dem Corona-Virus zu mi­nimieren, müssen wir aktuell Abstand zueinander halten - ein Meter fünfzig in alle Richtun­gen –, dürfen niemandem zu nahe kommen, sollen möglichst auf Berührungen verzichten: kein Händeschütteln, keine Umarmungen. Doch die Botschaft von Weihnachten sagt uns: Gott bleibt nicht auf Distanz. Er hat den un­endlichen Abstand zwischen Himmel und Erde, zwischen Mensch und Gott überwunden, indem er selbst auf unsere Erde gekommen und Mensch geworden ist: als kleines, verletzliches Kind. Gott wahrt keinen Abstand. Er sucht die Berührung mit seinen Geschöpfen und riskiert dabei alles: sein Liebstes, seinen eigenen Sohn.

Gerade in dieser Zeit des social distancings dürfen wir an Weihnach­ten die Nähe Gottes feiern und daraus Hoffnung schöpfen. Die Weihnachtsbotschaft spricht der ganzen Welt Hoff­nung zu. Und sie lädt uns ein, trotz des gebotenen äußeren Ab­stand-haltens innere, menschliche Nähe und Solidarität walten zu las­sen: in Worten und Taten der Liebe. Und die Liebe ist fantasie­voll; sie findet Mittel und Wege dazu. Wo ließe sich das besser ablesen als an der Menschwerdung Gottes?! Aus Liebe zu uns Menschen hat Gott diesen Weg gefunden, um uns nahe zu sein.

Als Zweites sollen wir verstärkt AUF DIE HYGIENEREGELN ACHTEN: sich öfters die Hände waschen oder desinfizieren, in die Armbeuge niesen, Vorsicht bei allem, was man berührt. Gott dagegen wird Mensch im Stall von Betlehem. Im letzten Loch wird Jesus geboren: in einem schmutzigen Viehunterstand. In eine Futterkrippe für Tiere hat man ihn gelegt. Besonders hygienisch ging es da nicht zu: mitten unter den Tieren, umgeben von stinkendem Mist. Aber wenigstens warm war es dort. Ein Stall ist gewöhnlich auch kein sorgsam aufgeräumter Ort. Und doch war Gott dieser Ort gut genug für seine Menschwerdung. Gott ist nicht etepetete. Er achtet nicht peinlich auf Hygiene, scheut sich nicht, mitten im Dreck dieser Welt anzukommen.

Und das dürfen wir auch auf uns selbst beziehen. Gott kommt nicht erst dann zu mir, wenn in meinem Leben alles makellos, fein säuberlich in Ordnung ist. Nein: auf meinen ungeordneten, unaufgeräumten Wust an Gefühlen, Erinnerungen, Wünschen und Fantasien lässt Gott sich ein; wo es auch viel Widersprüchliches gibt, Ärger, Unfrieden, Streit und böse Gedanken. Mitten hinein in diesen Dreck in meinem Stall, der manchmal ziemlich stinkt, kommt Gott. Denn seine Menschwerdung ist nicht die Belohnung für penibel geordnete Verhältnisse, für moralisch einwandfreie Zustände. Erst wenn alles perfekt ist, würde er kommen. Nein: Gott nimmt die Welt, er nimmt uns an, so wie wir sind und lässt sich auf uns ein. So unperfekt, unaufgeräumt und schmutzig wie es ist, ist es Gott gut genug, um sich dort hineinzubegeben. Durch seinen menschgewordenen Sohn Jesus Christus will er uns helfen, so manchen Dreck in dieser Welt und auch bei uns persönlich auszumisten, sozusagen unseren inneren Stall auf­zuräumen.

Was die Zeit dieser Corona-Pandemie am sichtbarsten prägt, sind wohl die ALLTAGSMASKEN, die wir seit Monaten tragen. In den ersten Jahrhunderten der Kirche, in der Zeit der großen Diskussionen über das Wesen Jesu Christi - wer er denn nun sei: Gott oder Mensch – da gab es die Glaubensrichtung des Doketismus. Ihr zufolge habe Jesus nur einen Scheinleib ange­nommen. Er sei gar kein richtiger Mensch gewesen. Gott habe seine Gottheit nur maskiert. Er habe in seiner Menschwerdung nur eine menschliche Maske aufgesetzt. Und deshalb habe Jesus auch keine Angst und keinen Schmerz gekannt, all die Gefühle, Freuden, Sorgen und Nöte, die mit unserem Mensch-sein verbunden sind. Wenn die Evangelien von solchen Re­gungen bei ihm berichten, dann habe Jesus nach außen hin nur so getan, weil ihn als Gott das alles ja gar nicht ankann und er immer schon gewusst hat, wie es ausgeht. Man hat diese Lehre zu Recht als Häresie verworfen.

In Jesus ist Gott wirklich Mensch geworden, hat nicht nur eine Maske aufgesetzt. Im Credo bekennen wir, dass Jesus wahrer Mensch und wahrer Gott ist. Gott hat sich in seiner Menschwerdung nicht nur zum Schein auf uns eingelassen. In Jesus ist er ganz und gar Mensch geworden; mit allem, was zu unserem Mensch-sein gehört. Und darum kann er aus eigenem Erleben mit allem mitfühlen, was wir erfahren, was uns Menschen bewegt, was uns umtreibt und bedrängt – auch alles, was uns jetzt, in dieser Corona-Krise, beschäftigt. Ihm ist nichts Menschliches fremd.

Liebe weihnachtliche Gemeinde, zu diesen AHA-Regeln - Abstand halten, Hygieneregeln beachten, Alltagsmaske tragen – kommt neuerdings eine vierte Regel dazu: LÜFTEN. Auch da­von lässt sich eine Brücke zu Weihnachten schlagen. Weihnachten - dass Gott als Mensch in diese Welt eintritt -, das will die Welt durchpusten, damit ein neuer Geist in sie hineinkommt: jener Geist, aus dem Jesus gelebt hat.

Vor mehr als zwei Jahren hat die damals 15-jähige Greta Thunberg mit ihrem Schulstreik für das Klima begonnen. Sie hat damit die Bewegung „Fridays for future“ ins Rollen gebracht für einen Klimawandel, der die Temperatur des gesamten Globus wieder in die Balance bringen soll. Ein Kind hat eine Botschaft in die Welt gebracht, die Menschen in Bewegung gesetzt hat, die diese Welt verändern und verbessern will. An Weihnachten begegnen wir dem Kind in der Krippe, das in die Welt gekommen ist und eine Botschaft mitbringt, die die Welt ver­ändert. Durch Weihnachten, durch die Menschwerdung Gottes, durch die Liebe Gottes, die mit Jesus in die Welt gekommen ist, hat sich das Klima unter den Menschen verändert. Heuer fällt Weihnachten auf einen Freitag. Ja, Weihnachten ist ein Friday for future. Mit Je­sus hat sich das menschliche Weltklima verändert.

Gerade in dieser Zeit um Weihnachten ist etwas zu spüren von dem veränderten Klima unter den Menschen, das mit Jesus in die Welt gekommen ist: bei den vielen Hilfsaktionen, die in diesen Wochen stattfinden; mit der großen Spendenbereitschaft, die da herrscht; etwas zu­gunsten anderer abgeben, sich für seine Mitmenschen - vor allem für die Bedürftigen und Be­nachteiligten – einsetzen; dass in diesen Wochen mehr Mitmenschlichkeit zu erleben ist, den anderen in seinen Bedürfnissen wahrzunehmen und darauf einzugehen. Dieses Klima eines wohltuend warmen Miteinanders und Füreinanders, das sollten wir – anders als die Klima­erwärmung beim Wetter - auch nach Weihnachten nicht eindämmen und wieder herunterfah­ren. Nein:


Diese Art der weihnachtlichen Klimaerwärmung kann gar nicht hoch genug aus­fallen. Wer die Botschaft von Weihnachten in sein Herz lässt, der verändert mit seinem Le­ben, mit seiner Güte, Mitmenschlichkeit und Barmherzigkeit seine Umwelt und sorgt für ein lebensfreundliches Klima: ein Klima der Liebe, der Menschlichkeit und des Friedens, das mit Jesus in diese Welt gekommen ist. Dazu ist Gott Mensch geworden.

Das feiern wir Jahr für Jahr an Weihnachten. Heuer nicht weniger und nicht anders, wenn auch diesmal unter besonderen äußeren Bedingungen. Weihnachten in Zeiten von Corona.