Die Gemeinde Mitterfels musste in den Jahren 1945/46 über 500 Flüchtlinge aufnehmen

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Sechs Wohnungswechsel in fünf Jahren

 

Das Thema Migration ist in den letzten Jahren nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa in den Mittelpunkt der Gespräche gerückt. Gelegentlich wird dabei auf die Situation der Flüchtlinge und Verriebenen nach dem Zweiten Weltkrieg verwiesen. Die damalige Integration von zwölf Millionen Menschen (rund acht Millionen in der BRD und etwa vier Millionen in der DDR) im vom Krieg zerstörten Deutschland ist weltweit sicher ohne Beispiel.

Nicht, dass die Aufnahme der Ankömmlinge aus dem Osten ohne Probleme verlaufen wäre, ganz im Gegenteil. Im Gegensatz zu den heutigen Flüchtlingen vollzog sich deren Integration dennoch weniger problematisch. Erstens beherrschten sie die Landessprache und zweitens kamen sie überwiegend aus dem gleichen Kulturraum.

Wie sich diese Situation in der Gemeinde Mitterfels auswirkte, soll kurz dargestellt werden. Nach der Volkszählung 1939 betrug die Einwohnerzahl der Gemeinde 1 136. Die nächste Volkszählung am 29. Oktober 1946 ergab für die Gemeinde Mitterfels 1 589 Einwohner; das war eine Steigerung um 453 Einwohnern. Die Überprüfung der polizeilichen Anmeldungen, bei denen die ursprünglichen Wohnorte der Zugezogenen vermerkt waren, ergab für das Jahr 1945 insgesamt 354 Flüchtlinge, überwiegend aus Schlesien, also 31 Prozent, das heißt, fast jeder dritte Einwohner in Mitterfels war ein Flüchtling.

Im Jahr 1946 kamen weitere 213 Flüchtlinge dazu, diesmal überwiegend Sudetendeutsche. Damit betrug Ende 1946 die Zahl der Flüchtlinge in Mitterfels 567, das entspricht rund 36 Prozent – zehn Prozent mehr im Vergleich zum Regierungsbezirk Niederbayern. Man fragt sich heute, wie eine kleine Gemeinde, abgesehen vom Verwaltungsaufwand, so viele Menschen unterbringen konnte.

Zwangseinweisungen in Privatquartiere

Um die Probleme der Unterbringung so vieler Menschen zu bewältigen, schufen die Kommunalbehörden so etwas wie eine Flüchtlingsinfrastruktur. In den Gemeinden wurde ein „Flüchtlingsobmann“ beauftragt. In den Landkreisen kümmerte sich ein „Flüchtlingskommissar“ um die Probleme der Flüchtlinge; diese Funktion wurde später in „Kreisbeauftragter für das Flüchtlingswesen“ umbenannt. Ab 1949 gab es in jedem Landkreis ein „Flüchtlingsamt“, das dem Leiter des Kreiswohnungsamtes unterstellt war. Im Vollzug dieser Wohnungsbewirtschaftung konnten Beschlagnahmungen und Zwangseinweisungen erfolgen. Ohne diese gesetzlichen Maßnahmen hätte der Wohnungsnotstand der Nachkriegszeit nicht bewältigt werden können, wobei es oft zu Konflikten mit Hauseigentümern kam. Manchmal erfolgte der Einzug der Flüchtlingsfamilien mit Hilfe der Polizei, wie sich damalige Kinder heute nach 70 Jahren noch erinnern können.

Wie dringend das Problem war, geht schon daraus hervor, dass Anfang August 1946 alle Hausbesitzer ein Schreiben der Gemeinde erhielten, alle verfügbaren Räume und deren Belegung in einem vorgegeben Formblatt zu melden. Die Vermerke auf den abgegebenen Formblättern zeigen, dass diese genau überprüft und die Belegung mit den gemeldeten Personen abgeglichen wurden. Wenn nicht gemeldete Personen einen Raum belegten, wurde dieser als belegungsfähig erklärt und beschlagnahmt.

 

Durch die vertriebenen Sudetendeutschen 1946 wurde der Wohnungsmangel, der bereits im zweiten Halbjahr 1945 bestand, nochmals verstärkt. Schulräume zu belegen, sollte in jedem Fall vermieden werden. Deshalb wurden Zwangseinweisungen durch Wohnungskommissare, bzw. Flüchtlingskommissare, oft mit Hilfe der Polizei vorgenommen.

„Auch die amerikanische Militärregierung griff mit ein und stellte z.B. im Landkreis Bogen eine Abteilung der Schutztruppe („Constabulary Squadron“) bereit, die sich in die Suche nach Unterbringungsmöglichkeiten einschaltete. Mehrere hundert Räume konnten auf diese Weise noch im August 1946 beschlagnahmt werden. Eine Verweigerung der Einweisung wurde mit Geldstrafe bis zu 10 000 RM oder Gefängnis bis zu fünf Jahren bedroht.“ Zur Abschreckung wurde im Amts-Blatt des Landkreises Bogen das Urteil eines Militärgerichts aus Lichtenfels abgedruckt, wo ein Ehepaar wegen Verweigerung der Aufnahme zugewiesener Flüchtlinge mit drei Monaten Gefängnis bestraft wurde.

Aus Mitterfels ist keine derartige Maßnahme bekannt. Wahrscheinlich wurde die Angabe der Räume und deren Belegung im Schreiben der Gemeinde vom 10. August 1946 so gewissenhaft gemeldet und kontrolliert, dass die Belegung der Privaträume durch Flüchtlinge ohne Zwangsmaßnahmen durchgeführt werden konnte.

Die erste Zeit auf Strohballen geschlafen

Im Folgenden beschreibt Alois Bernkopf, wie er die Wohnungsnot der Nachkriegsjahre erlebte:

Unser Transport Mitte Oktober 1946 war einer der letzten aus dem Riesengebirge. Über Furth im Wald gelangten wir nach Straubing und wurden von dort auf einem amerikanischen Lastwagen ins ehemalige RAD-Lager Muckenwinkling, Gemeinde Agendorf, transportiert. Es bestand aus zehn Baracken. Alle waren belegt. Wir wurden in die leerstehende Küchenbaracke einquartiert. Wir, das waren meine Mutter, meine um fünf Jahre ältere Schwester, meine Tante, mein Cousin und ich. Außer uns wurden weitere 15 Personen aus unserem Transport eingewiesen.

In dem etwa 60 Quadratmeter großen Raum befand sich als einziger Einrichtungsgegenstand ein riesiger Küchenherd. Der Fußboden war aus Steinplatten. Die 20 Personen teilten sich in sechs Gruppen auf. Jede Gruppe versuchte, ihre Habseligkeiten in einer Ecke des Raumes zu deponieren. Dabei gab es ein Problem: Es gab nur vier Ecken! Meine Tante bemerkte zum Glück als erste, dass sich neben dem Küchenraum ein zweiter schmaler Raum befand. Schnell nahmen wir fünf die eine Hälfte des Raumes in Besitz, die andere Hälfte bezog eine ältere Frau mit ihrer Tochter.

Das nächste Problem war: Wo sollten wir schlafen? Nach einiger Zeit kam ein stattlicher Mann in unsere Baracke und stellte sich als Lagerleiter vor. Wie wir später erfuhren, war es ein ehemaliger belgischer Kriegsgefangener. Er erklärte uns in gebrochenem Deutsch, dass die amerikanischen Feldbetten erst in einigen Wochen geliefert würden. Wir sollten Stroh von den Bauern im Dorf für ein Matratzenlager holen. Die Jugendlichen und Erwachsenen schleppten Strohbündel von den Bauernhöfen des Dorfes den Berg herauf. Das Stroh wurde auf einer Seite der Baracke aufgeschüttet und mit Tüchern abgedeckt.

Der Winter 1946/47 war einer der drei kältesten im 20. Jahrhundert. Nach Auskunft des Deutschen Wetterdienstes betrug der Mittelwert der Temperatur minus 3,9 Grad, im Februar fiel die Temperatur an vielen Tagen auf minus 20 Grad. Es war unser „Glück“, dass wir zu den letzten Transporten 1946 gehörten, denn auf Anordnung der amerikanischen Besatzung durften die Sudetendeutschen ab Juni 70 Kilogramm Gepäck pro Person mitnehmen, statt bisher 50 Kilo. So konnten auch in eng geschnürten Bündeln Betten oder Decken mitgenommen werden. Dass die versprochenen Feldbetten ebenfalls erst im Frühjahr eintrafen, war ebenfalls ein „Glücksfall“, denn bei diesen eisigen Temperaturen war das Stroh eine hervorragende Isolierschicht auf dem Steinfußboden.

Umzug in die Mansardenkammer

Mein Onkel, der im gleichen Transport mit uns „ausgesiedelt“ worden war, hatte bei einem Bauern in der Umgebung des Lagers vorübergehend Arbeit als Knecht gefunden und wohnte in einer Kammer unter dem Dach des Bauernhofes. Wer jemals längere Zeit in einem Lager gelebt hat, kann verstehen, dass es unser größter Wunsch war, das Lager so schnell wie möglich zu verlassen. Mein Onkel erreichte es, dass wir in seine „Mansardenkammer“ einziehen konnten. Nun hatten wir zu dritt (meine Mutter, meine Schwester und ich) zwölf Quadratmeter Wohnfläche zur Verfügung; das waren immerhin zwei Quadratmeter pro Person mehr als in der Baracke! Nach einer Vorgabe im „Potsdamer Abkommen“ sollten es in der amerikanischen Besatzungszone mindestens sechs Quadratmeter pro Person sein; was aber 1946 weit unterschritten wurde.

Mein Onkel verlegte sein Nachtlager in eine fensterlose Kammer nebenan. Als Gegenleistung für die Unterkunft mussten meine Mutter und meine Schwester auf dem Hof mitarbeiten. Im Sommer 1947 wurde Vater aus französischer Kriegsgefangenschaft entlassen. Seit seinem letzten Heimaturlaub im Sommer 1944 hatten wir kein Lebenszeichen mehr von ihm erhalten. Durch einen Zufall hatte er bei einem Arbeitskommando durch eine Ordensschwester aus unserer Heimatgemeinde Marschendorf erfahren, dass seine Familie nun in Niederbayern lebte. Über das Rote Kreuz hatte er bei seiner Entlassung unsere Adresse erfahren. Bei aller Freude über die Heimkehr des Vaters hatte sich aber ein Problem verstärkt: Die Kammer mussten nun für vier Personen reichen. Verständnisvoll räumte mein Onkel seine fensterlose Schlafstelle und suchte sich eine andere Unterkunft. An seiner Stelle zogen meine Schwester und ich aus dem Küchen-Ess-Wohn-Schlafzimmer in den fensterlosen Nebenraum.

Bald sollten wir der Enge der Wohnung entkommen. Der Besitzer des Nachbarbauernhofes bot uns an, dass wir bei seiner Schwester, die in Zinzenzell in einen Bauernhof eingeheiratet hatte, das Erdgeschoss des Austragshauses beziehen könnten. Meine Eltern nahmen das Angebot an, aber auch das war nicht problemlos: Die Wohnung im Austragshaus bestand nur aus einer Wohnstube und einer Nebenkammer. Die Arbeitsstelle meines Vaters befand sich in 25 Kilometer Entfernung in Straubing, und er konnte nur am Wochenende bei seiner Familie wohnen. Meine Mutter und meine Schwester mussten als Mietersatz von früh bis spät auf dem Bauernhof arbeiten.

Als meine Schwester 16 Jahre alt wurde, wollte sie nicht mehr kostenlos arbeiten. Da ihr unser Quartiergeber den Lohn verweigerte, fand sie eine Arbeitsstelle im Dorf. Zum Unglück erkrankte meine Mutter und fiel als Arbeitskraft auf dem Bauernhof aus. Nun war der soziale Friede zwischen den „Häuslbewohnern“ und dem Bauerhof bald total zerstört und der „Unfriede“ eskalierte zusehends. Der einzige Ausweg war eine neue Wohnung.

Da ein Zuzug in die Nähe der Arbeitsstelle meines Vaters nicht möglich war, mussten wir warten, bis uns das Wohnungsamt des Landkreises Bogen eine neue Wohnung in der damaligen Gemeinde Zinzenzell zuwies. Als meine Eltern diese ein paar Tage von dem Umzug besichtigen wollten, ließ sie der Besitzer nicht einmal das Haus betreten. Es gebe hier keine Wohnung und für Flüchtlinge schon gar nicht. Das Wohnungsamt war anderer Meinung und unter Begleitung des Sachbearbeiters des Wohnungsamtes und unter Polizeischutz bezogen wir eine Woche später die Wohnung. Sie betrug rund 18 Quadratmeter für drei Personen; nach den derzeitigen Richtlinien kann eine Person 45 Quadratmeter beanspruchen.

Den größeren Raum, später Küche, Wohnzimmer und Kinderzimmer, konnte man durch den Hausflur betreten. Der zweite Raum war eine kleine Kammer, die vom Wohnzimmer des Hausbesitzers durch eine Tür mit Glasfenster getrennt war. Dieser Raum sollte meinen Eltern als Schlafzimmer dienen. Zunächst aber musste ein Zugang vom „Mehrzweckraum“ in den Schlafraum der Eltern geschaffen werden. Dazu war ein Mauerdurchbruch nötig. Da der Hausbesitzer, trotz schriftlicher Anordnung, dies nicht erledigt hatte, musste dies ein Nachbar unter Polizeiaufsicht bewerkstelligen, da ihn der Hausbesitzer daran hindern wollte. Mein Vater hatte für den Umzugstag keinen Urlaub bekommen.

Nur ein Vorhang trennte die beiden Familien

Heute ist mir die abweisende Haltung der Hausbesitzerfamilie verständlich, die plötzlich im eigenen Haus mit einer fremden Familie leben musste. Den Durchgang von der Wohnküche zum Schlafzimmer trennte meine Mutter durch einen Vorhang, um etwas Privatatmosphäre zu schaffen. Der Vorhang vor der Tür vom „Schlafzimmer“ meiner Eltern zum Wohnzimmer der Hausbesitzer, war allerdings kein „akustischer Schutz“.

Das nachbarliche Verhältnis war in der ersten Zeit entsprechend reserviert. Das frostige Klima währte aber nicht allzu lange. Als die Hausbesitzer merkten, dass Mutter und Sohn für die landwirtschaftlichen Arbeiten durchaus brauchbar waren, besserte sich das „Wohnklima“ zusehends. Als wir nach zwei Jahren auszogen, weil wir in Oberalteich eine Wohnung gefunden hatten, die näher an der Arbeitsstelle meines Vaters in Straubing lag, gab es beim Abschied sogar Tränen…

Alois Bernkopf

Das Wort „Flüchtlinge“ wird synonym für die Begriffe Vertriebene und Heimatvertriebene gebraucht, weil dieser Personenkreis in den ersten Nachkriegsjahren generell so bezeichnet wurde. Wobei die Sudetendeutschen immer darauf Wert legten, dass sie Vertriebene seien und keine Flüchtlinge.

Literatur und Quellen ËDouglas, R. M.: Ordnungsgemäße Überführung. Die Vertreibung der Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg, München 2012 ËFranzen, K. Erik: Die Vertriebenen - Hitlers letzte Opfer, München 2001 ËKrossert, Andreas: Kalte Heimat - Die Geschichte der deutschen Vertriebenen nach 1945, München 2008 ËLanzinger, Maximilian: Zwischen Sternenbanner und Bundesadler - Bayern im Wiederaufbau, Regensburg 1996 ËErwert, Helmut: Feuersturm, Zigarettenwährung und Demokratie - Zeit des Umbruchs in der Stadt Straubing und in der Region Straubing-Bogen, Straubing 1997 ËAmtliches Gemeindeverzeichnis für Bayern, Beiträge zur Statistik Bayerns, Heft 140, vom 29. Oktober 1946 ËAmtsblatt des Landkreises Bogen, 1. Jahrgang 1946 ËAktenaussonderungsverzeichnis, Marktgemeinde Mitterfels 1945/56

 
Bogener Zeitung, 15.08.2016

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