An früher erinnert – Teil 1 und Teil 2

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Alfred Schindler aus Mitterfels ist in diesem Jahr 75 Jahre alt geworden. Wenn er auf seine Vergangenheit zurückblickt, kommen ihm viele Erinnerungen in den Sinn. Nicht alle waren positiv.

Schindler wurde 1941 geboren, seine Kindheit war von vielen grausamen Kriegsereignissen geprägt. Damit diese persönlichen Details über diese Zeit nicht verloren gehen, will Alfred Schindler aus seinem Leben erzählen und dadurch die Vergangenheit vergegenwärtigen. Im Mittelpunkt des ersten Teils stehen seine Kriegserlebnisse im Kreis Bayreuth, seiner Heimat.

Wenn einer wie ich heuer im Juni 75 Jahre alt hat werden dürfen, sollte er in Dankbarkeit zurückblicken und die Gelegenheit beim Schopf packen, etwas aus seinem Leben zu erzählen, damit Vergangenes vergegenwärtigt und veranschaulicht werden kann. Geboren wurde ich am 25. Juni 1941 in Seybothenreuth, Kreis Bayreuth, südliches Oberfranken. Mein Bruder kam 1939 zur Welt, meine ältere Schwester 1940, unsere jüngere Schwester machte die Familie 1946 komplett.

Es war die Zeit des schrecklichen Zweiten Weltkrieges, den Deutschland unter der Herrschaft des Nationalsozialismus vom Zaun gebrochen hat. Er begann am 1. September 1939 mit dem Überfall deutscher Truppen auf das Nachbarland Polen, ein völkerrechtswidriger Akt der Grausamkeit. Rund 60 Millionen Menschenleben waren weltweit zu beklagen. Am 8. Mai 1945 endete der Krieg mit der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands. Es wurde von den alliierten Siegermächten besetzt, entmachtet und gevierteilt. Damit waren die Not und das Elend von vielen Millionen Menschen, vor allem der Flüchtlinge und der Bevölkerung in den stark zerstörten Großstädten, noch lange nicht vorbei. Es begann vielfach ein regelrechter, harter Überlebenskampf. Not überall, Hunger nach Leben auch. Wenigstens schwiegen fortan die Waffen. Damit das Desaster anschaulicher wird, noch ein kurzer Blick zurück in die Zeit der letzten Kriegswochen.

Wiederholt heulte vor allem des Nachts am Wohnort die Sirene. Fliegeralarm. Schnell die schwarze Verdunkelung an den Fenstern herunterlassen, Licht aus und ab in den Keller. Dort saßen wir dann mit der Mutter bei Kerzenlicht verängstigt auf zwei gepackten Koffern und warteten zusammengekauert hoffend und bangend auf das Signal der Entwarnung.

Die Bombenlast galt der nur wenige Kilometer entfernten Stadt Bayreuth – wieder einmal. Dort brachte sie Tod und Zerstörung. Unser Dorf wurde in den letzten Kriegstagen auch beschossen. Versprengte SS-Soldaten hielten sich hier versteckt, mindestens einer von ihnen ist gefallen, andere konnten sich fluchtartig absetzen, erzählte uns später unser Vater. Eine Panzergranate traf unser Haus, ein Bahnhofsnebengebäude. Welch eine glückliche Fügung – das Geschoss blieb als Blindgänger in der Hauswand stecken. Ich könnte noch heute genau die Stelle zeigen, wo die Granate einschlug.

Unser Vater, der in den mörderischen Krieg nach Russland hatte ziehen müssen, überlebte angeschlagen. Mit einer Verwundung am Arm – ein Granatsplitter hatte ihn getroffen – kam er im Frühjahr 1945 zur Familie nach Seybothenreuth zurück.

Noch mal Glück gehabt. Einige Zeit nach der Rückkehr aus dem Krieg fand er eine Anstellung bei der Eisenbahn, zunächst als Streckenarbeiter, später als Fahrdienstleiter. Damit war ein bescheidenes Familieneinkommen gesichert. Unsere Mutter hatte mit uns vier kleinen Kindern immer viel zu tun, vor allem, weil die Zeit damals entbehrungsreich war und mit den Mitteln äußerst sparsam umgegangen werden musste. Das begann schon bei der Ernährung, weil die Versorgung – alles war mit Lebensmittelkarten gesteuert – im Allgemeinen schlecht war. Ein Beispiel: Eine trockene Scheibe Schwarzbrot, dazu ein Apfel oder eine Birne mussten helfen, den größten Hunger zu stillen. Zwei Flüchtlinge, die bei uns eine Zeit lang einquartiert wurden, mussten auch noch versorgt werden.

Im Vergleich zu den Städtern waren wir noch gut dran. Zuhauf kamen sie zum „Hamstern“ oder bei Dunkelheit zum Klauen – vor allem Kartoffeln und Obst wurden gestohlen. Alles war rar und deshalb wertvoll. Als wir älter waren, gestand uns die Mutter, dass sie oft nicht wusste, wie sie mit ihrem knappen Haushaltsgeld zurandekommen sollte – vor allem zum Monatsende hin.

Der zweite Teil von Alfred Schindlers Erzählungen erscheint am Samstag, 27. August.


Bogener Zeitung , 20.08.2016

 

An früher erinnert – Teil 2

Im ersten Teil beschrieb Alfred Schindler aus Mitterfels wie er die Bombardierung in seiner Heimat Seybothenreuth im Kreis Bayreuth empfunden hat und wie groß die Not gewesen ist. Mittlerweile hat für Schindler die Schulzeit angefangen, die Entbehrungen der Kriegszeit gehörten bald der Vergangenheit an. In seinem zweiten Teil beschreibt Alfred Schindler den Weg vom Schulkind zum Bundeswehrsoldat, den Weg von der Nachkriegszeit zur Wiedervereinigung.

Den ersten dunkelhäutigen Menschen habe ich beim Einmarsch der Amerikaner in unser Dorf – nach Ende der Kriegshandlungen – von einem ohrenbetäubenden, kettenrasselnden, monströsen Panzer herab lächeln und zuwinken gesehen. Welch ein Augenblickserlebnis für einen „Dreikäsehoch“, der ich damals war. Die Dorfjugend war ganz aufgekratzt.

Allgemein muss gesagt werden, dass die Amis uns Kindern gegenüber recht freundlich waren. Gelegentlich warfen sie uns sogar ein Päckchen Kaugummi, auf das wir besonders scharf waren, Schokolade, Kekse oder auch mal eine kleine Büchse mit gepökeltem Fleisch ihrer Essensration aus den Militärfahrzeugen heraus zu. Nachdem wir unsere Zurückhaltung abgelegt hatten, wuchs das Zutrauen den Fremden gegenüber. Eine Einstellungsänderung, die heute bei der Flüchtlingsproblematik nicht unerwähnt bleiben sollte.

Meine Schulzeit begann 1947, es war ein besonders heißer Sommer. Die wichtigsten Utensilien für einen Schulanfänger waren die schwarze Schiefertafel, die mit sogenannten Griffeln beschrieben werden konnte, sowie die hölzerne Griffelschachtel. Auch die Fibel zum Lesenlernen gehörte dazu. Welch ein Unterschied zu heute, die spärliche Ausstattung damals. Die Klassen eins bis acht wurden zeitgleich in einem Raum unterrichtet.

Diese herausfordernde Aufgabe hatte ein kriegsversehrter, oberschenkelamputierter Lehrer zu bewältigen. Stärker als der Leselernprozess und das Aneignen der vier Grundrechenarten hat sich bei mir die folgende Begebenheit ins Langzeitgedächtnis eingebrannt. Jährlich um den Volkstrauertag führte uns Lehrer Köhle geschlossen zu einem Soldatengrab an einem Waldrand in Dorfnähe. Auf dem Grabhügel befand sich ein schlichtes Birkenholzkreuz, darauf der Stahlhelm des Gefallenen. Singen mussten wir immer folgendes Lied: Morgenrot, Morgenrot / leuchtest mir zum frühen Tod. / Bald wird die Trompete blasen, / dann muss ich mein Leben lassen, / ich und mancher Kamerad.“ Für ein sensibles Kind keine leichte Angelegenheit. Ich musste dabei immer ganz schön schlucken.

Die weiteren anrührenden Strophen sind mir im Laufe der Zeit entfallen. Mit dem Schuleintritt durfte man an der kostenlosen Schulspeisung teilnehmen, ein Ernährungsprogramm der Amerikaner im Rahmen des Marshallplans. Nur ein Beispiel: Kakao, dazu amerikanisches Weißbrot. Wie das schmeckte!

Am Geburtsort Seybothenreuth, ein typisches Straßendorf ohne Ortskern, blieb unsere sechsköpfige Familie bis 1952. Zu diesem Zeitpunkt bekam unser Vater eine höher dotierte Stelle als Bahnhofsvorsteher in Großalbershof, Sulzbach-Rosenberg, Oberpfalz. Die Lebensverhältnisse besserten sich nun nach und nach. Die entbehrungsreichsten Jahre der Kriegs- und Nachkriegszeit gehörten für uns damit bald der Vergangenheit an.

Mit einem kurzen Gang in die Geschichte habe ich meine Kindheitserinnerungen begonnen, mit desgleichen soll der Reigen geschlossen werden. Der Ost-West-Gegensatz schaukelte sich schon bald nach dem Krieg hoch. Mit der Nato im Westen und dem Warschauer Pakt im Osten, getrennt durch den „Eisernen Vorhang“, standen sich zwei unversöhnliche, konkurrierende Mächte gegenüber. Das Wettrüsten beider Blöcke sowie die daraus resultierende atomare Bedrohungslage („Kalter Krieg“) fanden ihre brisanteste Zuspitzung in der „Kubakrise“ im Oktober 1962. Die Welt stand am Abgrund eines globalen Krieges, eines Dritten Weltkrieges. Das Aufrüsten ging trotzdem auf beiden Seiten unvermindert weiter. Für mich als damaliger Bundeswehrsoldat war es das größte Glück, dass ich während meiner zwölfjährigen Dienstzeit (1960 – 1972) keinen Schuss auf einen Menschen habe abgeben müssen.

Welch ein Wunder der Geschichte, die friedliche Wiedervereinigung Deutschlands am 3. Oktober 1990, und das ganz ohne Blutvergießen. Beispiellos! Dem Himmel sowie Mister Gorbatschow, ehemaliger Präsident der Sowjetunion, und Dr. Helmut Kohl, damaliger Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland, sei Dank.

Bogener Zeitung , 27.08.2016
 
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