Anna Baumeister und Charlotte Rieser berichteten von Praktikum in Kinderheim in Nepal

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Bollywood und Schlaglöcher

Seit 28. August absolvieren Anna Baumeister und Charlotte Rieser ein durch den Verein „Kinderhilfe Nepal Mitterfels“ vermitteltes Praktikum im Laxmi-Kinderheim in Kathamandu. Der Mitterfelser Verein finanziert dieses Heim. Fünf Monate lang werden die beiden die Bindeglieder zwischen dem Verein und der Heimleiterung vor Ort sein. Außerdem werden sie diverse Aufgaben im Heim wahrnehmen und dabei vor allem mit den Kindern arbeiten.

Neben den Folgen des Erdbebens im Himalaya-Staat im Frühjahr und verschiedener politischer streikbegleiteter Probleme, unter anderem mit dem Nachbarland Indien, sind die Versorgung und die Verkehrslage nicht optimal, was die Erledigung von Aufgaben beeinträchtigt. In einem Bericht möchten die beiden Praktikantinnen einen Einblick in ihre Situation im Kinderheim in Kathmandu vermitteln:

Auf dem Busdach mitgefahren: „This is Nepal“

Das Erste, das sie demnach nach ihrer Ankunft in Nepal sahen, waren am Boden sitzende, sich gegenseitig lausende Kinder, ein für einen Europäer zunächst verstörender Anblick. Auch später mussten sie immer wieder den Unterschied zwischen dem Land und Deutschland spüren. Ein Nepalese fand beim Sitzen auf dem Dach eines überfüllten Busses, der gefährlich durch Schlaglöcher schwankte, die treffenden Worte: „This is Nepal.“

Der Weg ins Paradies: einmal Schaukeln

Doch nach inzwischen zwei Monaten haben die beiden das asiatische Land sehr zu schätzen gelernt, unabhängig davon, ob man beim Einkaufen dreimal so lang braucht, weil um alles fünfmal diskutiert wird, oder ob einem das stundenlange Gedudel der Bollywood-Musik, die man in Deutschland nur aus den Filmen kennt, auf die Nerven geht. Die Menschen sind es, die helfen, dieses Land lieb zu gewinnen. Sie begegnen Gästen mit einer Freundlichkeit und Gastfreundschaft, die man in diesem Maß in Deutschland nicht oft zu spüren bekommt.

Auch ihre Gelassenheit im Umgang mit Themen, wie dem Erdbeben oder dem momentanen Problem mit Indien, ist erstaunlich. Wenn es sein muss, gehen sie halt zu Fuß oder quetschen sich zu zehn Personen in einen Fünf-Sitzer. Auf die Frage, was dagegen unternommen wird oder ob sie denken, dass es eine Lösung gibt, heißt es nur: „Wir warten, hoffen und beten.“ Die Menschen leben mit den Umständen, so gut es eben geht, und bauen sich beispielsweise hinter dem Haus eine Kochstelle aus Lehm, fahren selbst zur indischen Grenze und besorgen sich Benzin oder schauen ab sofort keine indischen Serien mehr. Das Feiern wird dadurch auch nicht unterbrochen.

Darshain, das größte Festival im ganzen Jahr zu Ehren des Sieges des Guten über das Böse, konnte am 22. Oktober miterlebt werden. Eine Ziege wurde gekauft und zum Entsetzen der jungen Gäste aus Bayern im heimeigenen Vorhof geschlachtet. Die Heimkinder sahen das ganz locker und einer der Buben führte ein ernstes Gespräch mit der Ziege, indem er sie ermahnte, nicht traurig zu sein und auch nicht zu weinen, angesichts der Tatsache, dass sie gleich gegessen wird. Danach bekam jeder eine Reis-Tika auf die Stirn geklebt sowie ein „gamara“, ein kleines Kräutersträußchen, hinter das Ohr gesteckt.

„Hup, so viel du kannst und gib Vollgas“

Nun stand die Suche nach den großen Bambus-Schaukeln an. Dem Brauch nach heißt es, dass der Boden an diesem Festtag einmal verlassen werden muss, um nach dem Tod ins Paradies zu gelangen. Mit einigem Bedenken, was die schwankende Konstruktion anging, wagten sich auch Anna und Charlotte auf die zehn Meter hohe Schaukel. Ein großer Spaß, den sich nicht einmal die alten Leute entgehen ließen und ebenfalls mithilfe der jüngeren die Schaukel bestiegen.

Trotz der Schwierigkeiten mit den Bussen konnten inzwischen verschiedene Projekte umgesetzt werden. So wurde für die Kinder Winterkleidung gekauft und mit diesen ein Zahnarzt besucht. Mit einer ganzen Horde von Kindern war das nicht immer leicht zu bewältigen, vor allem, da sie weder das Busfahren noch kurvige Straße gewohnt sind und nach fünf Minuten Spucktüten verteilt werden mussten.

Arbeit im Kinderheim und Reise als tolle Erfahrung

Die nepalesische Fahrweise ist dabei wohl nicht ganz unschuldig: Sie kennt keine Regeln außer „Hup, so viel du kannst und gib dann Vollgas“. Auch lassen sich die Busfahrer nicht weiter stören von Kühen, Hühnern und Hunden, die mitten auf den Hauptstraßen liegen, und basketballgroßen Schlaglöchern. Hier geht es nach dem Prinzip, ein kurzer Schlenker, der die ganzen Leute durcheinanderwirft, löst alles.

Anna Baumeister und Charlotte Rieser sind sich aber einig, dass die Reise nach Nepal und die Arbeit im Kinderheim des Vereins „Kinderhilfe Nepal Mitterfels“ es schon nach der ersten Woche wert waren und sie weiterhin die Zeit mit den Kindern, die ausgelassene Stimmung auf Busdächern, die Ausflüge in die Landschaft und in einsame Gegenden Nepals sowie die Begegnungen mit besonderen Menschen genießen werden.


 
 
Bogener Zeitung , 10.11.2015, hab
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