die Kartoffel : von der „Hexenpflanze“ zu einer Hauptnahrung

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Mit großer Skepsis haben die Waldler die Kartoffel angenommen


Ob gekocht, gebraten, gestampft, zu Knödel oder Reiberdatschi verarbeitet - Kartoffeln sind vom Speiseplan der Bayern nicht wegzudenken. Neben dem guten Geschmack hat die  goldgelbe Knolle noch mehr zu bieten. Der hohe Eiweißanteil, Vitamine, Mineralien und Spurenelemente machen sie zu einem Lieferanten wichtiger Nährstoffe. Mehr als 5.000 Kartoffelsorten gibt es auf der Welt; es werden immer neue gezüchtet. Eine Bedeutung als Speisekartoffel haben bei uns allerdings nur 40 Sorten. Kartoffeln sind heute ein Grundnahrungsmittel in Europa. Danach sah es anfangs aber gar nicht aus: Lange galt die Kartoffel als "Hexenpflanze"!

 

Die Kulturgeschichte der Kartoffel

Ursprünglich stammt die Kartoffel aus Südamerika und die ältesten bekannten Spuren ihrer wilden Vorfahren schätzt man auf 13.000 Jahre. Im ersten Jahrtausend nach Christus wurde dort die Kartoffel systematisch gezüchtet. Sie war so wichtig, weil Weizen und Mais in den Hochlagen  der Anden  in 4 000 m Höhe nicht gediehen. Für die Inka war daher die Kartoffel das Hauptnahrungsmittel. Ohne diese Knolle hätten sie ihr Reich und ihre Kultur nie aufbauen können. Spanische Entdecker und Eroberer fanden in der Neuen Welt zahlreiche ihnen bisher unbekannte Pflanzen und Früchte, die heute ein selbstverständlicher Teil der Ernährung des Menschen in der alten Welt sind, wie Tomaten, Bohnen, Paprika und Mais. Für Europa erlangte die Kartoffel die größte Bedeutung. Vermutlich um 1560 brachten sie Seefahrer aus Südamerika mit nach Europa. Bis heute ist ungeklärt, ob der legendäre Sir Francis Drake oder sein Zeitgenosse Walter Raleigh als erster die Kartoffel aus den Anden nach Europa gebracht hat.


Von der Bevölkerung wurde die Kartoffel zunächst abgelehnt

Doch zunächst stießen die neuen Knollen auf Ablehnung. Das hatte verschiedene Gründe: Bei den meisten bekannten Pflanzen gingen die essbaren Früchte aus den Blüten hervor. Auch die Kartoffel hatte oberirdische Früchte.  Deren Genuss aber rief Bauchschmerzen, Schweißausbrüche und Atemnot hervor. Wurzelgemüse wie Rüben, Radieschen und Zwiebeln hingegen hatten einen zweifelhaften Ruf. Eine unterirdische  braune Knolle, die man vor dem Verzehr auch noch kochen musste, galt da erst recht als dubios.

Noch zweihundert Jahre nach ihrer Ankunft in Europa waren Kartoffeln fast ausschließlich in den botanischen Gärten sowie in den Lust- und Ziergärten der Fürstenhöfe zu finden. Essen wollte sie hingegen so gut wie niemand. Noch im 18. Jahrhundert sträubte sich das Volk in Preußen dagegen, die Erdäpfel zu essen. Friedrich der Große schrieb den Bauern schließlich per Gesetz vor, auf einem Zehntel ihres Ackerlandes Kartoffeln anzubauen, um so die wiederkehrenden Hungersnöte im Land zu bekämpfen. Angeblich ließ er auch Kartoffeläcker von Soldaten bewachen und zwar nur, um die Landbevölkerung neugierig auf die unbekannte Feldfrucht zu machen.

Den Durchbruch für die Kartoffel brachte die wachsende Bevölkerung. Seit der Ankunft der Erdäpfel aus Südamerika hatte sich die Zahl der Bewohner Europas fast verdoppelt. Im 19. Jahrhundert setzte die Industrialisierung ein.  Die Städte wuchsen,  die Märkte der Ballungszentren waren immer stärker auf die Versorgung mit landwirtschaftlichen Produkten angewiesen. Obwohl auf immer größeren Flächen Getreide angebaut wurde, verschlechterte sich die Versorgungslage zusehends. Rettung kam von der Kartoffel: Mit ihr ließen sich Ackerflächen weit intensiver nutzen.

Obwohl die Kartoffel als „das allergesegnetste, von Gott erschaffene Gewächs“ schon 1771 bezeichnet wurde, dauerte es bis 1830, ehe in Niederbayern und der Oberpfalz  der endgültige Durchbruch gelang. In den folgenden Jahrzehnten hat diese Knolle besonders im ganzen Böhmerwald das Leben der breiten Bevölkerung deutlich erträglicher gemacht. Die Menschen waren nicht allein auf Getreide angewiesen, das in ungünstigen Jahren gelegentlich ganz ausfiel und ein Hungersjahr bevorstand. Außerdem konnte die Kartoffel sofort nach der Ernte zum Verzehr verwendet werden.

Die Kartoffel erfordert schon beim Pflanzen, Häufeln, Hacken bis hin zur Ernte einen hohen Arbeitsaufwand. Wenn sich das Kartoffelkraut gelb oder braun färbt, dann ist Zeit für die Ernte. „Die Erdäpfelsterk‘n“ werden mit einem Ruck herausgezogen und die noch an den Wurzeln hängenden Knollen abgeschüttelt. Viele Hände, die Kinder hatten ja Kartoffelferien, sammelten dann die Knollen in Körben oder Schwingen. Mit der „Reidhau“ suchte man in den „Bifen“ nach weiteren Knollen. 1910 hat man errechnet, dass eine Arbeitskraft am Tag 0,3 Tagwerk graben und auflesen kann. Mit der Einführung von Kartoffelrodern und nach dem 2. Weltkrieg von Vollerntemaschinen hat sich der Arbeitsaufwand  im Kartoffelanbau deutlich gesenkt.


Und welche Stellung hat die Kartoffel in unserer Ernährung heute?  In Deutschland ist der Verbrauch in den letzten 15 Jahren um 50% zurückgegangen. 2001 betrug der Selbstversorgungsgrad bei uns noch 108 Prozent. Inzwischen wurde dies durch Importe aus Frankreich, Italien, Marokko und Ägypten ersetzt. Auf dem Markt sind heute Kartoffeln ganzjährig erhältlich. Jeder Deutsche verbraucht im Jahr etwa 67 kg. Die große Zeit der Kartoffelanbaukultur in Europa war sicher das 19. Jahrhundert. Bemerkenswert ist immerhin, dass die Kartoffel das einzige pflanzliche Massenprodukt des Agrarmarkts der Europäischen Union ist, für das es keine Marktordnung gibt bzw. je gab. Das Fehlen einer „Europäischen Kartoffelmarktordnung“ macht deutlich, dass dieses Produkt in Europa nach wie vor zu nicht-subventionierten Weltmarktbedingungen produziert werden kann.

 

 

 

 


 

  • Abb.1: Schöne Blüten, aus denen sich giftige Früchte entwickeln
  • Abb. 2: Nach dem Krieg suchten Menschen auf abgeernteten Kartoffelfelder nach liegen gebliebenen  Knollen
  • Abb. 3: Kartoffellegen
  • Abb. 4: Am Kartoffelfeuer fanden Kinder Wärme und erste gebratene Kartoffel, ein Leckerbissen
  • Abb. 5: Kartoffelernte 1925 bei Zwiesel
  •  Abb. 6: König Friedrich der Große kontrolliert persönlich den Kartoffelanbau (Gemälde)

Quellen: H. Sauer, „Bauernleben“ (1992) Morsak Verlag; Niederbayerisches Landwirtschaftsmuseum Regen

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